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gefaltet + gestreckt

12.08.2010 von Brigitta Hartmann

L E P O R E L L O

Max Ammann
Bianca Frei-Baldegger  
Marianne Jost-Schäffeler  
Martin Maeder  
Pierre Sutter


Die Künstlerleporelli - zum Preis von Fr. 10.00 pro Stück (+ Versandspesen) senden wir Ihnen gerne zu.

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Rede von Frau Dr. Barbara Stark – Kuratorin Wessenberg-Galerie – zur Präsentation der Künstlerleporelli „gefaltet + gestreckt“ am 22. August 2010 im Museum Rosenegg Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, um sich schon zu früher sonntäglicher Stunde mit dem Phänomen gefaltet + gestreckt auseinander zu setzen. Ja, „gefaltet + gestreckt“, so kann man auf der Einladung lesen. Und auf deren Rückseite ist dann von der Präsentation so genannter Künstlerleporelli die Rede. Hmmm, ich bin mir gewiss: manch einen wird angesichts dieses Begriffs eine leichte Unsicherheit beschlichen haben. Künstler - was? Leporelli, das tönt nach Plural, nach mehren also. Gestützt wird diese Vermutung durch die Namen von sechs Künstlerinnen und Künstlern, die hier freundlich einladen. Jeder von Ihnen wird also wohl für einen solchen Leporell-o? zuständig sein. Tatsächlich, ist doch gar nicht schwer – Leporello heisst das Ding in der Einzahl, um das es heute geht. Und dass es so heisst, daran ist einzig und allein Mozart schuld. Mozart? Wir kommen an diesem Morgen anscheinend aus dem Wundern nicht heraus… Nun, Mozart stellt in seiner Oper „Don Giovanni“ dem Herzensbrecher in der Rolle des Don Juan einen Diener mit dem schönen Namen Leporello an die Seite. Leporellos Aufgabe ist es unter anderem, für seinen Herrn eine Liste mit einer Notiz- und Bildersammlung all jener Damen zu führen, die von diesem verführt wurden. Als die Zahl einige hundert übersteigt und Leporello den Überblick zu verlieren droht, klebt er die Bilder aneinander, lässt sich ein Faltsystem einfallen und testet es auf einer Treppe. Infolge der Beliebtheit der Oper hat sich die Bezeichnung Leporello für faltbare Heftchen durchgesetzt. Das wäre also geklärt, wieder eine Bildungslücke geschlossen! Leporellos oder Leporelli, so belehrt uns Wikipedia weiter, werden vor allem von Fotografen verwendet, um Bildserien an ihre Auftraggeber abzuliefern. Die Bilder werden in zickzack gefaltete Passepartouts eingeschoben. Aber auch Ansichtskarten werden streifenförmig aneinender gefügt als Leporello angeboten wie auch schmale Taschenkalender. Wobei all diese Produkte im Zeitalter von Digitalkamera und elektronischem Terminplaner massiv vom Aussterben bedroht sind. Was aber nichts daran ändert, dass der Leporello ein nicht nur äuβerst praktisches, sondern auch optisch ansprechendes Medium ist, wenn es darum geht, Bilder und Text in komprimierter Form zu präsentieren. Billiger in der Herstellung als ein Katalog ist der Leporello allemal und er besitzt den Vorteil, dass man ihn ergänzen, erweitern kann. Eigentlich ideal für den kleinen, gepflegten und immer aktuellen Auftritt. Das dachten sich auch die fünf Künstlerinnen und Künstler, deren Leporelli und Werke wir heute kennenlernen. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob sie sich alle gleich einig waren über diese ein wenig ungewöhnliche Präsentationsform ihrer Arbeiten. Ich vermute, dass es im Vorfeld doch so einige Diskussionen gab. Zumal die Sache ursprünglich wohl ganz anders hätte laufen sollen. Es war nämlich ein gröβeres Projekt geplant, ein Projekt der Thurgauer Künstlergruppe, der alle fünf angehören. Ein Projekt mit Katalog. Doch die Sache kam nicht zu Stande. Was blieb, war der Wunsch, nach etwas Gedrucktem, das Auskunft geben kann über Person und Werk. Die Fünf haben ihren Wunsch Wirklichkeit werden lassen. Und sie haben sich, unter der Leitung von Martin Mäder, zu einem einheitlichen Auftritt entschlossen, ein Auftritt, der jedoch Vielfalt zulässt. Ein Auftritt, der jedem einzelnen seine Individualität zugesteht, aber die Beteiligten dennoch als zusammengehörig erkennbar sein lässt.Dass das möglich wurde, liegt an Guido Kasper, der nicht nur als Fotograf tätig war, sondern in enger Zusammenarbeit mit jedem einzelnen der Künstlerinnen und Künstler die Leporelli gestaltete und auf die Wahrung eines homogenen Erscheinungsbildes achtete. Auch das – fotografieren und grafische Gestaltung - ist ein künstlerischer Prozess. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen! Alle Leporelli kommen quadratisch-praktisch in einem edlen grauen Umschlag daher. Das Grau bildet sozusagen den diskreten Fond für den farbigen Auftritt des gefalteten Innenteils. In diesem nun wechseln sich Bild- und Texteile ab. Jeder Leporello empfängt den Betrachter mit dem Ausschnitt eines Kunstwerks, daneben stehen der Künstlername, gefolgt von so etwas wie einem Titel oder Motto. Oder sollte man besser sagen – Statement?„Malerei pur als Weg und Ziel“ heisst es kurz und prägnant bei Bianca Frei-Baldegger. „Landschaften“ – nur ein Wort genügt Pierre Sutter, doch er deutet darin schon die ganze Vielfalt des Motivs an. „Malerei als Prozess“ konstatiert Max Ammann, doch er wünscht es sich dann noch präziser und ergänzt: „Malerei nach Photographien / Malerei abstrakt / Malerei auf Photographie“. Martin Mäder deutet stattdessen eher Inhaltliches an: „Geschichte im Kopf. ‚Bildschicht Babilonia’“. Und Marianne Jost-Schäffler gibt einen Fingerzeig, wohin die Reise geht: „Unterwegs – vom Vertrauten zum Unbekannten“. Aber sie formuliert auch: „Inneres Erleben drückt sich aus in der Konfrontation von runden, weichen mit eckigen, harten Formen“. Sie ist die einzige, die sich gleich beim ersten Auftritt mit zwei Leporelli vorstellt – und damit den Gedanken der Reihe, der Forstsetzung, aber auch der in sich abgeschlossenen Präsentation unterschiedlicher Werkgruppen, die diese Form des Faltbuches eben so gut ermöglicht, Realität werden lässt.  Der Betrachter wird also durch Bild und Wort eingestimmt. Er beginnt zu blättern, wendet Seite um Seite, dreht dann das Heft herum, blättert wieder. Geht zum Anfang zurück. Abbildungen und Textteile wechseln in loser Folge, in jedem Leporello sind diese Partien anders angeordnet. Mal sind die Abbildungen gröβer, dann wieder dominiert ein Text die Seite.Alles wirkt ruhig, geradezu klassisch. Die Schrifttype ist eine serifenlose Grotesk, die im soften Grau daherkommt, sich optisch nicht aufdrängt, sondern sich eher in dienender Funktion neben die Abbildungen der Werke stellt. Am Ende des Leporellos, der zugleich wieder die Rückseite des Anfangs ist, finden sich nicht nur die Hinweise zu den Abbildungen, sondern auch biografische Angaben zur Person des Künstlers, Informationen zu Ausstellungen und Publikationen sowie das Impressum.  Kurzum: man gewinnt einen ersten Eindruck und Einblick. In kurzer Zeit und in höchst ansprechender Weise. Wer mag und neugierig geworden ist, kann sich nun in die Texte vertiefen. Diese stammen von verschiedenen Autoren und wurden von den Künstlern ausgewählt. Sie kommen mal mehr, mal weniger kunsthistorisch daher. Einige erfasst man beim ersten Lesen, für andere braucht man länger, um sie zu durchdringen. Immer jedoch beziehen sie sich erhellend auf die nebenstehend abgebildeten Kunstwerke.  Und diese Werke – sie könnten bei den fünf Künstlerinnen und Künstlern nicht unterschiedlicher sein! Es deutete sich ja schon in den Titeln bzw. Statements an. Gehen wir alphabetisch vor. 1. Max Ammann, der vor kurzem eine Einzelausstellung hier im Museum Rosenegg hatte, malt und photographiert. Ihn interessiert dabei vor allem das Prozeβhafte bei der Entstehung eines Kunstwerks, sei es nun im sichtbaren Malakt selbst oder in der Überlagerung von Bildschichten. Dabei können sich, irritierend genug, auch Photographie und Malerei verbinden.  2. Bianca Frei-Baldegger hat es eigentlich schon sehr präzise auf den Punkt gebracht, um was es ihr geht: Malerei pur als Weg und Ziel. Sie arbeitet jenseits des Gegenständlichen, ihr Thema ist die raumbildende, emotionale Kraft der Farbe, der sie in ihren Papierarbeiten subtil nachspürt. 3. Marianne Jost-Schäffler, auch sie hatte hier vor nicht allzu langer Zeit eine Ausstellung, ist vor allem Plastikerin. Doch den Raum hat sie sich sozusagen schrittweise erobert, ausgehend vom Bild über das Relief hin zur freistehenden Skulptur. Bei diesem metamorphotischen Prozess prägte die Plastiken zunächst eine nüchtern-lineare Tektonik geometrischer Elemente wie Kugel oder Kubus. In jüngster Zeit erfolgt eine stärkere Hinwendung zu den in der Natur vorhandenen Strukturen wie Blättern oder Stängeln. 4. Martin Mäder überschreitet in seinen Arbeiten immer wieder die klassischen Gattungsgrenzen. Gerahmte Bilder schichten sich zu skulpturartigen Türmen. Sie kehren das Collageprinzip um und setzen aus dem Einzelbild ganze Wahrnehmungen zusammen. Dabei stellt auch er die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Abbild, von Original und dem in den modernen Medien scheinbar beliebig abrufbaren Kopien. 5. Pierre Sutter schlieβlich bewegt sich sowohl mit Zeichen- als auch Malutensilien, aber auch mit der Kamera in der Landschaft. Er nimmt Stimmungen und Eindrücke auf und überarbeitet das Gefundene im Atelier. Auch bei ihm verschwimmen die Grenzen zwischen den Techniken. Was entsteht sind Bilder, die still aber nachdrücklich von Zeit-Entrücktheit künden. Fünf künstlerische Positionen, ergänzt um die Arbeit des Photographen und Gestalters, dessen Werk sich in den sechs Leporelli manifestiert. Sie haben nachher Zeit, beides anzuschauen: die Falthefte und von jedem der Künstler einige Originale. Beides gibt einen anschaulichen Einblick in einen wichtigen Teil des Thurgauer Kunstschaffens.  
Dr. Barbara Stark 

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