«Mischwald der Thurgauer Kunst»

thurgaukultur.ch, 19. September 2016

Brigitta Hochuli

Der Verein kunstthurgau schenkt sich und den 40 Mitgliedern zum 75-Jahr-Jubiläum unter anderem ein Who ist who als grosszügige, schön gestaltete Broschüre und eine neue Homepage.

Als Mischwald bezeichnet Regierungsrätin Monika Knill im Editorial zum Jubiläumsband von kunstthurgau, was auf dem Thurgauer Kulturboden gedeiht. Das mache sie immer wieder stolz.

 

Ein Mischwald ist auch der Verein kunstthurgau. Gegründet 1940 nannte er sich bis ins Jahr 2008 Thurgauer Künstlergruppe. Heute gehören ihm 40 Künstlerinnen und Künstler aus den Sparten Malerei, Bildhauerei, Performance, Installation, Fotografie und Film aus dem ganzen Thurgau an.

 

Mit der Ausstellung im November 2015 in Frauenfeld, dem Buch und einer neue Homepage feiert kunstthurgau das 75-Jahr-Jubiläum. Das Konzept stammt von René Sennhauser von der SCC Kommunikation AG, Zürich. Sennhauser ist in Sulgen aufgewachsen. Auf der neuen Homepage kann man die Geschichte nachlesen:

  • 1926 erscheinen Thurgauer Künstler erstmals als Mitglieder in einer übernationalen künstlerischen Vereinigung, dem «Der Kreis».
  • 1932 zeigen im Hotel Schiff in Mannenbach die «Maler vom Untersee» ihre Werke. Es waren Adolf Dietrich, Ernst Graf, Hermann Knecht, Max Boller und Friedel Grieder.
  • Zur Gründerzeit der späteren Thurgauer Künstlergruppe gab es kaum Galerien und kein kantonales Kunstmuseum. «Ziel der Gruppe war es, aus der Vereinzelung heraus zu treten und die Gemeinschaft zu pflegen.»
  • 1972 gab sich die Gruppe erstmals Richtlinien. 1980 erschien die erste Dokumentation.
  • In den neunziger Jahren fanden die «Thurgauer Kunst und Gourmet Wochen» in Zürich-Oerlikon und die Ausstellung «art und weise» in Amriswil statt. «Dass die Gruppe neue Wege suchte, manifestierte sich in der Jahresausstellung ,TG 95 im Zug' in Güttingen.»
  • 2001 präsentierte die Gruppe in Frauenfeld je fünf Konzepte in fünf verschiedenen Ausstellungsorten. «Mit diesen konzeptionellen Ausstellungen aktiviert und intensiviert die Gruppe die Zusammenarbeit untereinander..»

Im Jubiläumsbuch stehen auf je sechs Seiten 34 Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers und geben Auskunft zu ihrer Kunstauffassung und letztlich darüber, wie sie das Leben mit der Kunst meistern. Der Einblick ist so facettenreich wie Monika Knills kultureller Mischwald. Bei diesem «Who is Who» leitet einen auch die Neugierde. Woran arbeitet der Künstler? Wie hat er sich eingerichtet? Was antwortet die Künstlerin auf die Fragen des Redaktionsteams? Man bleibt an den Fotografien und Antworten regelrecht kleben und schaut und liest sie von A bis Z durch.

 

Hier ein kleiner Auszug:

  • Wie beschreibst du dein Schaffen? - «Nicht sehr angepasst!» (Urs Graf, Ermatingen, der kürzlich gestorben ist)
  • Und wenn du keine Kunst machst, was machst du dann? «Kunstmachen ist eine Lebenshaltung, auf irgendeine Art bin ich immer künstlerisch aktiv.» (Lisa Seipel, Frauenfeld)
  • Was gibt dir Kunst nicht? - «Zwischenmenschliche Beziehungen kann sie nicht ersetzen.» (Ursula Bollack-Wüthrich, Frauenfeld)
  • Wolltest du schon mal aufgeben? Keine Kunst machen? - «Aus Verzweiflung immer wieder! Aber es ging doch nie ,ohne'.» (Ursula Fehr, Weingarten)
  • Was treibt dich an, weiterzumachen? - «Es ist die Suche nach der inneren Wahrheit. Dinge, die mich emotional bewegen, muss ich durch Malerei (Ventil) verarbeiten.» (Giancarlo Bolzan, Kreuzlingen)
  • Wünsch dir was: «Ich wünschte, die Welt wäre mehr Dada!» (Walter Wetter, Siegershausen)

Die Biografien der Künstler fehlen im Buch. kunstthurgau.ch liefert aber zu jedem Mitglied (anklickbar) eine gute Ergänzung - mit Verweisen auf Webseiten, Videos - an denen man erneut hängen bleibt -, noch mehr Fotos und den nötigen Kontakten.

 

75 Jahre kunstthurgau ist letztlich auch für den heutigen Betrachter ein zeitlich ausgedehntes Unterfangen! kunstthurgau und deren Mitglieder, schreibt Kunstmuseumsdirektor Markus Landert im Jubiläumsband, würden den Künstlern hier im Thurgau entscheidend helfen, die notwendigen Orientierungsprozesse in Gang zu halten - intern durch Diskussionen über Qualität und Zielvorstelllungen, gegen aussen mit Ausstellungen, in denen die Komplexität der heutigen Kunst und ihrer Themen sichtbar werde. Gemäss Landert leistet kunstthurgau einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit jenen Fragen, die sich in den letzten 75 Jahren nicht prinzipiell, sondern lediglich in ihrer Färbung verändert hätten:«Wie ist der Thurgau zu gestalten in einer globalisierten Welt? Welches Bild des Menschen ist aktuell in einer Zeit der Medien und der elektronischen Vernetzung?» - Fragen, die sich tatsächlich wirkungsvoller in einer Gemeinschaft wie kunstthurgau erörtern liessen als in vereinzelten Köpfen.

 

Seit 2005 ist Brigitta Hartmann Präsidentin von kunstthurgau. In den Dokumenten werde das Gründungsjahr von kunstthurgau einmal mit 1945, ein anderes Mal mit 1946 angegeben, erklärt sie auf Anfrage. Deshalb habe man sich für ein Jubiläumsjahr von November 2015 bis November 2016 entschieden. Gestartet sei man mit Portrait-Stickern. Nach diesem «sanften Einstieg» folgte die kuratierte Jubiläumsausstellung im November 2015 im Shed im Eisenwerk, die Realisation der neuen Website und der Jubiläumspublikation mit Buchvernissage für Geldgebende im Museum Rosenegg im Juni 2016. Am 2. Dezember dieses Jahres finde die Abschlussausstellung in der Stadtgalerie Baliere in Frauenfeld statt. Die Gründe, bei kunstthurgau mitzumachen, seien in den 75 Jahren etwa gleich geblieben, meint Brigitta Hartmann. «Die Bildung einer Gruppe von gleichgesinnten oder beruflich verbundenen Personen ist ein menschliches Phänomen. In fast allen Berufsarten entstehen ähnliche Zusammenschlüsse im Sinne einer Gemeinsamkeit, sei es eine verwandte Kunst- und Weltanschauung, eine bestimmte Richtung oder ein Programm, ein thematischer Rahmen, das Wirken in einer gemeinsamen Welt, das Bedürfnis, die Gemeinsamkeit zu pflegen oder auch eine Art Notwehr, eine Existenzfrage.» Einzelne Mitglieder, die vor vielen Jahren als noch ziemlich Unbekannte dem Verein beigetreten seien, zählten inzwischen zu den anerkannten Kunstschaffenden. Ursula Fehr, Bianca Frei-Baldegger, Urs Graf, Helmut Wenczel, Max Ammann, Fredi Bissegger zum Beispiel hätten sich aber bestimmt auch ohne kunstthurgau ähnlich entwickelt. Das gemeinsame Erarbeiten von Gruppenausstellungen und -projekten könne für junge Kunstschaffende, die neu im Kanton wohnten, eine wichtige Plattform sein. «Manchmal bleibt jemand hängen. Und manchmal merken die Eingeladenen, dass sie keine Vereinsmenschen sind.»


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